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Über Stock und Stein

Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser über die mineralische Rohstoff-Situation in Vorarlberg.

Vorarlberg hat sich in den letzten Jahrzehnten hervorragend entwickelt. Eine starke Wirtschaft, großes Beschäftigungs- und Bevölkerungswachstum und ein hoher Lebensstandard machen Vorarlberg zu einer der attraktivsten und lebenswertesten Regionen Europas. Diese Entwicklung erforderte entsprechende Grundlagen und Rahmenbedingungen und für die Sicherung des Wohlstandes ist es notwendig auch in Zukunft die Entwicklung zu ermöglichen und zu unterstützen. Eine dieser Grundlagen ist eine Versorgung mit ausreichend mineralischen Rohstoffen, welche jeder florierende Standort benötigt. Damit ist das Thema auch von wesentlicher politischer Bedeutung.

Interessenskonflikte 
Durch die Gewinnung mineralischer Rohstoffe und deren Transport ergaben sich in den letzten Jahren vermehrt Interessenskonflikte hinsichtlich des Natur- und Landschaftsschutzes, der Wasserwirtschaft, der Raumplanung, des Umweltschutzes und des Tourismus. Da das bisherige Wachstum nahezu ausschließlich innerhalb der Siedlungsgrenzen stattfand, ist davon auszugehen, dass diese Konflikte auch der zunehmenden Verdichtung geschuldet sind. Auch wurden in den letzten Jahren geplante Abbauprojekte vermehrt emotional diskutiert. Diesen Diskussionen fehlte häufig auf Grund nur spärlicher Datenlage die sachliche Grundlage. Daher wurde von der Landesregierung eine Studie zur Erhebung der Bedarfssituation und der Import- sowie Exportströme mineralischer Rohstoffe beauftragt. Die Studie steht auf der Website der Vorarlberger Landesregierung zum Download bereit und kann von allen eingesehen werden.

Karlheinz Rüdisser<br>Landesstatthalter
Karlheinz Rüdisser
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Verringerte Abbaumenge
Der größte teil des Gesamtbedarfs von ca. vier Millionen Tonnen jährlich (Pro-Kopf ca. 10,3 Tonnen jährlich) wird derzeit von heimischen Betrieben mit noch bewilligten Abbaufeldern beigesteuert. Diese liefern zusammen eine Menge von ca. 2,75 Millionen Tonnen, diese Abbaumenge wird sich in den nächsten Jahren vermutlich deutlich reduzieren. Ohne Bewilligungen für neue Abbaufelder wird sich die Abbaumenge in zehn Jahren um ca. 75 Prozent verringern. Die fehlende Menge müsste über zusätzliche Importe aus Deutschland und Tirol, verbunden mit entsprechender Verkehrsbelastung, kompensiert werden. Da Vorarlberg, die Schweiz und dDutschland im Dreiländereck einen Wirtschaftsraum bilden, sind Exporte und Importe von Gütern und Dienstleistungen eine logische Konsequenz. Vorarlberg exportiert mit 570.000 Tonnen pro Jahr eine erhebliche Menge an mineralischem Rohstoff in die benachbarte Schweiz. Dabei ist jedoch die enge Verflechtung mit der Schweizer Zementindustrie zu berücksichtigen. Ein großer Teil der exportierten Menge wird in Form von Zement wieder nach Vorarlberg importiert und verarbeitet.

Auf der anderen Seite werden aus Deutschland mit 660.000 Tonnen pro Jahr knapp 19 Prozent der Vorarlberger Produktionsmenge an mineralischem Rohstoff importiert. Dazu kommen weitere Importe aus Tirol und auch aus Salzburg, diese machen knapp fünf Prozent der Vorarlberger Gesamtproduktionsmenge aus.

Hochwasserschutz 
Die Verfügbarkeit von Steinen als Baumaterial ist auch beim Thema Hochassersicherheit von entscheidender Bedeutung. So werden derzeit in den bestehenden Abbaufeldern in Vorarlberg jährlich ca. 215.000 Tonnen an Wasserbausteinen produziert, wovon ca. 170.000 Tonnen jährlich verbaut werden. Diese Menge reicht gerade für den mittleren, jährlichen Baubetrieb aus. In zehn Jahren wird die Abbaumenge an Wasserbausteinen in den genehmigten Feldern in Vorarlberg nur noch ca. 92.000 Tonnen betragen, das heißt um ca. 57 Prozent weniger als heute.

Doch allein für das Jahrhundertprojekt „Rhesi“ wird in den nächsten Jahren ein großer Bedarf an Wasserbausteinen entstehen, der durch die derzeit genehmigten Abbaufelder nicht gedeckt werden kann. Auch bei Hochwasserereignissen fehlen erhebliche Mengen. Das letzte Hochwasser im Jahr 2005 hat dazu geführt, dass große Mengen an Wasserbausteinen aus Tirol importiert werden mussten. Zudem war es erforderlich, kurzfristig neue Steinabbaufelder – auch in landschaftlich geschützten Bereichen – zu genehmigen. Um einem Mangel an Wasserbausteinen bei Hochwasser und im Hinblick auf das Projekt „Rhesi“ vorzubeugen, empfiehlt die Studie daher, neue Bewilligungen für Steinbrüche im ganzen Land anzustreben.

©Zech Kies

Eine weitere Empfehlung lautet, möglichst zeitnahe neue Kiesbbaufelder zu erschließen bzw. bestehende Abbaufelder zu erweitern. Um den Flächenverbrauch gering zu halten, sind auch Nassbaggerungen einzuplanen, wenn dies die hydrologischen Gegebenheiten zulassen. Durch zukünftige Nassbaggerungen im Rheintal könnten hochwertige Betonkiese erschlossen werden, die gerade in dieser Region dringend benötigt werden. Die drei Betonwerke im Rheintal benötigen insgesamt 760.000 Tonnen Kies pro Jahr. Schon jetzt müssen 73 Prozent des Kiesbedarfs für diese Betonwerke zugeliefert werden, in zehn Jahren würden es 97 Prozent sein. Eine ähnliche Situation gilt für die Betonwerke im Bregenzerwald. Hier müssen in fünf Jahren ca. 80 Prozent des Kiesbedarfs zugeliefert werden. Lediglich die Betonwerke im Walgau können durch Eigenabbau betrieben werden.

Sicherung der Rohstoffversorgung
Dieser Empfehlung folgend fasste die Landesregierung im Oktober 2018 einen einstimmigen Beschluss, der das bisher geltende Verbot neuer Nassbaggerungen unter der Voraussetzung aufhebt, dass die hydrogeologischen Gegebenheiten, insbesondere der Schutz der Grundwassernutzung, gesichert sind und die Nassbaggerung auch unter raumplanerischen Aspekten vertretbar ist sowie die Belange des Naturschutzes ausreichend berücksichtigt.

Klares Ergebnis ist jedenfalls, dass zur Sicherung der Rohstoffversorgung und zur Vermeidung von einer zunehmenden Abhängigkeit die auslaufenden Bewilligungen kompensiert und neue Möglichkeiten geprüft werden müssen. Dies ist nicht alleine eine Frage der Wirtschaft, wie dies vereinfacht gerne dargestellt wird. Von den Auswirkungen einer Unterversorgung wäre die gesamte Bevölkerung betroffen, sei es beispielsweise über Hochwassersicherheit, Wohnen oder Verkehr. Es muss deshalb im Interesse aller liegen, das notwendige Maß an Eigenversorgung sicherzustellen. 



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