Georg Comploj: "Das Wachstum ist stabil, wird sich aber verlangsamen"

Interview mit dem Spartenobmann der Vorarlberger Industrie DI Georg Comploj.

Was macht die Industrie für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg aus? 
Unsere Industriebetriebe leisten den größten Beitrag zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Land und exportieren ihre Produkte in alle Teile der Erde. Sie bringen Arbeitsplätze mit einem fairen, überdurchschnittlich hohen Lohnniveau. Die Industrie ist der für den Wohlstand entscheidende Arbeitgeber im Land. Heute entfällt knapp die Hälfte der gesamten Industrieproduktion auf die Maschinen- und Metallverarbeitung. Der Anteil Vorarlbergs an der gesamtösterreichischen Industrieproduktion ist in Relation zur Bevölkerung (4,4 Prozent/Ö) betrachtet – in beinahe allen Branchen (die Werte liegen zwischen 2 und 20 Prozent) – überdurchschnittlich. 

Die Industrie hat in den vergangenen Quartalen eine sehr gute Performance hingelegt. Geht das so weiter? 
Noch stützt vor allem der Export das Industrie-Wachstum, das sich jedoch 2019 verlangsamen wird. Während die aktuelle Geschäftslage, Auftragsbestand und Auslandsaufträge ähnlich wie im vergangenen Quartal beurteilt werden, rechnen die befragten Unternehmen mit sinkenden Erträgen in sechs Monaten. Es rechnen 30 Prozent mit einem Rückgang. Die Anzahl der Mitarbeiter in der Industrie wird zwar noch ansteigen, allerdings weniger stark als zuletzt angenommen. 

Und wie sieht die Zukunft der Industrie an sich aus? Stichwort Industrie 4.0. 
Industrie 4.0 bietet für den Wirtschaftsstandort zahlreiche Chancen, die sich in Produktinnovationen, neuen Geschäftsmodellen, verbesserter Wettbewerbsfähigkeit und vielem mehr niederschlagen. Zukünftig wird es immer wichtiger werden, unternehmensübergreifend in Teams zusammenzuarbeiten, gemeinsam mit anderen Unternehmen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, überbetriebliche Forschung zu betreiben und dafür personelle und finanzielle Mittel bereitzustellen, um am Markt zu reüssieren.

Was müssten aus Ihrer Sicht die wichtigsten Eckpunkte einer zukunftsgerichteten Steuerpolitik sein? 
Abgesehen von der Beseitigung der „Kalten Progression“ muss der Steuergesetzgeber bei Reformen im österreichischen Steuersystem insbesondere die internationale Perspektive im Auge behalten: Unternehmen müssen sich in einem Umfeld bewegen, das halbwegs gleiche Bedingungen bei konkurrenzrelevanten Kostenfaktoren, wie z.B. Steuern, sicherstellt. Wenn nun sämtliche unserer Nachbarländer, mit Ausnahme Italien, niedrigere Körperschaftsteuersätze als Österreich aufweisen, ist Handlungsbedarf gegeben. Die Signale sind jedenfalls schon mal positiv. 

Allerdings kann die Steuerquote dauerhaft nur gesenkt werden, wenn gleichzeitig auch die Staatsausgaben reduziert werden.
Dies macht eine gründliche Durchforstung der Staatsausgaben und auch der Staatsaufgaben sowie der staatlichen Verwaltung zu einer Top-Priorität für die Bundesregierung. 

Sie haben auch realistische nationale Energie- und Klimaziele eingefordert.
Ja, um die Versorgungssicherheit und Arbeitsplätze im Land nicht zu gefährden. Klimaschutz- und wirtschaftspolitischen Ziele müssen angemessen und ausbalanciert miteinander verknüpft werden, damit Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftsstandort und Beschäftigung als volkswirtschaftliche Ziele stärker in die Betrachtung miteinbezogen werden. Neue Strategien dürfen Beschäftigungs- und Wachstumsinteressen nicht ausblenden, sondern müssen den Schulterschluss zwischen Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf der einen Seite und Standortabsicherung auf der anderen Seite suchen. Volkswirtschaftliche und ökologische Ziele müssen keineswegs miteinander in Konflikt stehen. Schon in der Vergangenheit hat es die österreichische Wirtschaft sehr gut geschafft, Energie- und Ressourcenverbrauch vom Produktionswachstum zu entkoppeln. 

Wird in Österreich genug Augenmerk auf die Bedeutung der Industrie gelegt?
Jene Länder, die ihre industrielle Substanz zu wenig beachtet haben, mussten in den letzten Jahren bitteres Lehrgeld zahlen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten hat sich gezeigt, dass eine höhere Quote industrieller Wertschöpfung ein wichtiger Stabilitätsfaktor ist. Betrachtet man die Lohn- und Gehaltsstatistik, so zeigt sich, dass die Betriebe der Sparte Industrie maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass das Monatseinkommen pro Arbeitnehmer innerhalb von 20 Jahren inflationsbereinigt gestiegen ist. Die Industrie ist damit wesentlich für die positive Entwicklung des Wohlstands und somit auch des sozialen Friedens in unserem Land verantwortlich.


Das Fachkräftethema bleibt auch 2019 die Top-Herausforderung für die Betriebe
Das Fachkräftethema bleibt auch 2019 die Top-Herausforderung für die Betriebe

Kommen wir zu einer zentralen Herausforderung, dem Fachkräftemangel. Begrüßen Sie die Erweiterung der Mangelberufsliste auf regionaler Ebene?
Unbedingt. Dadurch sollte unser Bedarf an hochqualifiziertem Personal besser abgedeckt werden können. Die Industrie bringt zudem eine weitere Überlegung ins Spiel. So sollten befristete Arbeitsaufnahmen und eine nachträgliche Antragstellung für eine Rot-Weiß-Rot Card möglich sein, wenn bereits eine Arbeitsbewilligung in einem für Österreich definierten Mangelberuf besteht. Eine solche vorgeschlagene befristete Arbeitserlaubnis könnte damit einen Zugang innerhalb Europas erleichtern und einen akuten Arbeitsbedarf decken.

Vorarlberg ist bekannt für eigene Ideen, wenn es um Herausforderungen geht. Der HTL-Strategieprozess etwa ist eine Maßnahme, um der Fachkräfteproblematik gegenzusteuern.
Die Initiative HTL Vorarlberg möchte Lehrpersonen, Schüler/-innen, Eltern, aber auch die Politik bzw. die Gesellschaft als Ganzes für moderne Ausbildungswege sensibilisieren. Durch die hohe Innovationsorientierung der Vorarlberger Industrie steigen besonders die Anforderungen an die Qualifikationen der Mitarbeiter in den Unternehmen und damit auch die Ansprüche an die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses. Für die Wirtschaft und die Menschen im Land ist es entscheidend, dass unsere Schulen auch zukünftig vorne mit dabei sind und beste Bildungsqualität anbieten. Das Ziel des partizipativen Strategieprozesses ist es, die Ausbildung gemeinsam mit den Schulen an die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Mein Dank gilt hier im Speziellen unserem Bildungssprecher Christoph Hinteregger, der das Projekt mit viel Herzblut und Engagement vorantreibt.

Dazu kommt die Lehre als Paradeausbildungsschiene für die Vorarlberger Industrie. 
Ja, denn engagierte Nachwuchskräfte sind die Basis für die erfolgreiche Entwicklung eines Wirtschaftsstandortes. Vor diesem Hintergrund spielt die Lehrlingsausbildung in der Industrie eine ganz besondere Rolle. 
Der aktuelle Lehrlingshöchststand verdeutlicht neuerlich das klare Bekenntnis der heimischen Industrie zur Jugend und zum Standort Vorarlberg, den Stellenwert und die Qualität der dualen Ausbildung, in bestqualifizierte Nachwuchskräfte, um national sowie international weiterhin erfolgreich zu sein. Insgesamt leistet das enorme Engagement der Wirtschaft im Bereich der Lehrlingsausbildung einen unschätzbaren Beitrag zur weiterhin erfreulich niedrigen Jugendarbeitslosenrate. Durch die hohe Professionalisierung und die exzellenten Ausbildungsstandards eröffnen sich vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Nichtsdestotrotz müssen wir am Image der dualen Ausbildung konsequent weiterarbeiten. 

Danke für das Gespräch! 



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