Foto: Christian Lendl

IM GESPRÄCH Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck

"DIE DIGITALISIERUNG IST JETZT SCHON DER WICHTIGSTE WACHSTUMSFAKTOR"
Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck sieht in der Digitalisierung die entscheidende Grundlage für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Im Gespräch mit der Vorarlberger Wirtschaft spricht sie über die damit verbundenen Chancen, Entlastungen für den Standort und über die aktuelle Fachkräftesituation. 

Sie sind Ministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort. Was dann man sich darunter vorstellen? Wie passt das zusammen?
Digitalisierung ist die entscheidende Grundlage für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt keine Branche, die nicht von der Digitalisierung betroffen ist. Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle ändern sich, neue Märkte entwickeln sich - hier liegen enorme Chancen. Wenn wir zehn Jahre zurückblicken, haben wir einen großen Fortschritt erzielt und es hätte vermutlich niemand gedacht, dass wir heute da sind, wo wir sind. Die Digitalisierung ist jetzt schon der wichtigste Faktor für unser Wirtschaftswachstum. Sie bringt Arbeitsplätze und damit verbunden Wohlstand. 

Was sind ihre wichtigsten Ziele auf der Agenda Digitalisierung bzw. Wirtschaftsstandort?
Wir haben aktuell ein Wachstum von etwas mehr als drei Prozent. Haupttreiber dafür sind aber vor allem die gute internationale Konjunktur und die Binnennachfrage. Wichtig ist jetzt, dass wir vorsorgen für die Zeit, in der es schwieriger wird. Ich sehe uns als Dienstleister für alle Bürger und als Schnittstelle zu anderen Ministerien. Die neue Ressortstruktur bedient mit der Digitalisierung ein Zukunftsthema.
Es gilt zu vermitteln, dass die Chancen hier größer als die Gefahren sind, und wir müssen unsere Betriebe sowie Mitarbeiter bestmöglich auf den digitalen Wandel vorbereiten. Zweites Ziel ist, den Wirtschaftsstandort Österreich wieder nach vorne zu bringen. Jedes Unternehmen, vom Start-up, über KMU bis zum Großkonzern, soll in seiner täglichen Arbeit entlastet werden. Das Mittelfeld darf uns nicht genügen, daher wollen wir Investitionen und Aufträge ins Land holen. 

Bei der Digitalisierung schwingt immer die Sorge mit, dass Jobs verschwinden könnten. 
Die Ängste gilt es ernst zu nehmen. Technischen Fortschritt hat es aber immer gegeben und unser Leben ist stets leichter geworden. Unsere Aufgabe ist es, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Menschen die Chancen nutzen können. Wir wollen deshalb noch heuer einen Pakt für digitale Bildung mit dem Bildungsministerium und den Bundesländern schließen. 50 Prozent der Arbeitslosen haben kein oder nur geringes digitales Wissen. 

Stichwort Deregulierung: Sie haben bereits ein umfassendes Wirtschaftsstandort-Paket auf Schiene gebracht - was ist konkret geplant?
Wir werden bei den bürokratischen Auflagen für Unternehmen spürbare Erleichterungen schaffen und eine steuerliche Entlastung für die heimischen Unternehmerinnen und Unternehmer forcieren.
In einem ersten Schritt werden wir viele Genehmigungen abschaffen. Betriebe sollen Zeit haben, Produkte zu entwickeln statt Formulare auszufüllen. Konkret werden Einzelhandelsbetriebe und Rechenzentren mit bis zu 600 Quadratmetern Fläche keine Genehmigung mehr brauchen. Auch Geschäfte in Shoppingcentern, Bahnhöfen oder Flughäfen werden davon befreit. Davon profitieren potenziell 18.000 Betriebe. Jedes Jahr könnten 900 Verfahren wegfallen. Zudem legen wir unseren Fokus auf die Stärkung der Lehre und das im Moment größte Problem der Wirtschaft - den Fachkräftemangel. Außerdem wünsche ich mir die Verankerung der Wirtschaft wie beim Thema Umweltschutz in der Verfassung. Hier geht es mir um eine Gleichstellung auf Augenhöhe.

Sie haben es angesprochen, viele Betriebe suchen händeringend Lehrlinge und Facharbeiter. Was planen sie, um dieses Problem in den Griff zu bekommen?
Wir haben in Österreich 106.000 Lehrlinge und über 200 Lehrberufe. Wir haben fast Vollbeschäftigung und brauchen viele Fachkräfte, weil die Unternehmen wachsen. Nun gibt es Ansätze, das Problem des Facharbeitermangels zu lösen. Einer ist die Stärkung der Fachkräfte durch die Aufwertung der Lehre. Wir müssen uns ansehen: Welche dieser Lehrberufe gilt es zu modernisieren? Es muss wieder cool sein, eine Lehre zu machen. In einem ersten Schritt schaffen und modernisieren wir heuer 13 neue Lehrberufe und reichern sie mit digitalen Inhalten an, und nächstes Jahr werden die Gastronomie-Lehrberufe und Berufe der IT-Technik modernisiert. Zudem muss unser System durchlässiger werden. Nur fünf Prozent der Lehrlinge sind über 21, nur ein Drittel Frauen. Kaum einer macht Matura. Wir wollen den Meister mit dem Bachelor gleichstellen. Es soll nicht entweder Lehre oder Studieren heißen. Beides ist möglich. 

Ein Punkt, der von vielen Unternehmerinnen und Unternehmern immer wieder genannt wird, ist die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Was entgegnen sie den Kritikern? 
Tatsache ist, dass erfolgreiche Unternehmen mit ihren Mitarbeitern gemeinsam neue Formen der Arbeit suchen und vereinbaren wollen. Die Maximalarbeitszeit verändert sich ja nicht. Es wird auch Beschäftigte geben, die ihre Wochenarbeitszeit grundsätzlich lieber von Montag bis Mittwoch oder vielleicht Donnerstag absolvieren und den Rest der Woche für die Familie oder Weiterbildung nützen wollen. Diese Vereinbarungen sollen gemeinsam mit der Personalvertretung erfolgen.

Abschließend zu Vorarlberg: Was macht Vorarlbergs Wirtschaft aus?
Vorarlberg profitiert vor allem von seiner geografischen Lage und einem innovativen und engagierten Unternehmertum. Vor allem der Industriesektor, ein wettbewerbsfähiges Handwerk und Gewerbe und innovative KMU leisten ihren Beitrag zu der guten Entwicklung des Bundeslandes. Was mich besonders freut, die Arbeitslosenquote ist trotz des Bevölkerungszuwachses rückläufig. Das hängt unter anderem mit der dualen Ausbildung zusammen, die in Vorarlberg tief verankert ist und auch für ganz Österreich ein Erfolgsmodell ist. 

Danke für das Gespräch! 


Zur Person 
Dr. Margarete Schramböck, 1970 in Tirol geboren, Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien, 1997 Abschluss als Doktorin der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, MBA-Studium an der Universität von Lyon
Berufliche Tätigkeit:
Leitungsfunktionen bei der Firma Alcatel, Service Direktor Österreich,
2002: CEO von NextiraOne, IT-Kommunikationsunternehmen mit Sitz in Paris, Dezember 2008 bis Dezember 2011: Leitung von NextiraOne Deutschland, 
2014: CEO von Dimension Data Austria, weltweit führender Anbieter für Netzwerk- und Kommunikationstechnologie und IT-Services, besonders in den Bereichen Netzwerk und Rechenzentren, Cloud Services, IT-Sicherheit, Sprach- und Videokommunikation sowie Applikations-Integration. 
In den letzten beiden Jahren war Frau Dr. Schramböck CEO von A1 Telekom Austria.
Ihrer Alma Mater ist sie bis heute tief verbunden und ist Mitglied des Centers of Excellence der WU Wien.
Von 18. Dezember 2017 bis 7. Jänner 2018: Bundesministerin für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.
Seit 8. Jänner 2018: Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort.
 



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