David Stadelmann: "Wir müssen zur Vernunft zurückkehren"

David Stadelmann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, ruft im Interview dringend dazu auf, einen sachlicheren Umgang mit Corona zu finden. Denn die Kollateralschäden seien mittlerweile massiv. In einer „doppelten Betroffenheitsschere“ zwischen den Jüngeren und den Älteren sieht der Ökonom ein gesellschaftliches Spaltungspotenzial: „Auch mit dieser Tatsache müssen wir entsprechend umgehen.“

Herr Professor Stadelmann, Sie rufen zu einem sachlicheren Umgang mit Corona auf... 
Corona ist immer weniger Krankheit und immer mehr Krise. Man muss zu breiteren Risikoabwägungen kommen und den Menschen mit all seinen Facetten in den Mittelpunkt stellen. Es geht ja nicht nur um Gesundheit, es geht auch um Arbeitsplätze, um die Sicherung der Pensionen, um die Sicherung des Sozialsystems, usw. Die Kollateralschäden, die bereits verursacht worden sind, sind derart massiv, dass mittelund längerfristig viel auf dem Spiel steht, wenn man nicht gegensteuert.

Sie sprechen von „breiteren Risikoabschätzungen“. Sind die denn mittlerweile möglich? 
Ja. Breitere Abschätzungen sind möglich, weil die ge sundheitlichen Risiken klarer geworden sind. Wir wissen jetzt, dass das Virus stark diskriminiert, in dem Sinne, dass die Alten gesundheitlich stark, die Jüngeren unter 40 dagegen kaum und Kinder eigentlich gar nicht betroffen sind. Das ist die gesundheitliche Betroffenheitsschere. Dann gibt es noch die gesellschaftliche Betroffenheitsschere: Insbesondere die Jüngeren werden längerfristig unter den Kosten dieser Krise leiden. Aus beidem resultiert eine doppelte Betroffenheitsschere, die gesellschaftliches Spaltungspotenzial birgt. 

Also ist die Politik gut beraten, einen Umgang zu finden, der mit und nicht gegen Corona leben und wirtschaften lässt? 
Ja genau! Viele Politiker setzen alle Hoffnung nur in eine Impfung. Aber es ist unklar, wie effektiv eine solche Impfung sein wird oder ob sie die Hochrisikogruppe der 80-Jährigen überhaupt schützt. Je nach Alter und Gesundheitszustand schützt beispielsweise die Grippeimpfung etwa 40 bis 75 Prozent der Geimpften. Daher werden wir lernen müssen, mit dem SARS-CoV2-Virus umzugehen. Und das heißt eben, den Jüngeren ein möglichst normales Leben zu ermöglichen, während man mit den knappen vorhandenen Ressourcen die wirklichen und identifizierbaren Risikogruppen gezielt schützt.

War der Lockdown aus Ihrer Sicht eigentlich überhaupt vertretbar? 
Nachträglich kann man den Lockdown vielleicht mit der Unsicherheit zu Beginn der Pandemie erklären. Wobei ich damals schon kritisch war und für breitere Abwägungen eintrat, denn nicht erst die Zwangsmaßnahmen drückten die Infektionen, sondern bereits die zuvor erlassenen und von den Bürgern gutbefolgten Verhaltensempfehlungen: Hände waschen, physisch Distanz halten, unnötige Mobilität einschränken. Zentral ist das Verhalten der Bürger und ihr Vertrauen in die Regierungen. Ich sehe nicht, wie man mit dem Wissen von heute einen erneuten Lockdown rechtfertigen könnte. Er wäre fatal.

Wenn man versucht, einen auch nur halbwegs realistischen Blick auf die Situation zu richten: Wie lange wird das denn noch so weitergehen? 
Da würde ich das Gesundheitliche vom Wirtschaftlichen unterscheiden. Die Behandlungsmethoden haben sich verbessert und am Ende wird man mit dem Virus leben müssen. Wie lange eine gewisse Immunisierung der Bevölkerung mit oder ohne Impfung dauert, haben Epidemiologen abzuschätzen. Die wirtschaftlichen Konsequenzen werden uns in Europa noch lange beschäftigen. Wir hatten noch nie seit dem Weltkrieg einen so großen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Wir wissen, dass die letzte Finanzkrise, die ja nur rund halb so schlimm war wie die aktuelle Krise, uns rund acht bis zehn Jahre beschäftigt hat. Aus wirtschaftlicher Sicht stehen wir zudem erst am Anfang. Trotzdem haben wir innerhalb weniger Monate, rund fünf Jahre Wachstum verloren und der Aufholprozess ist ungewiss. Die Staatsdefizite steigen massiv an und die Vergemeinschaftung von Schulden ist dabei noch gar nicht berücksichtigt. An der aktuellen Krise dürfen wir uns nach meiner Einschätzung noch über zehn Jahre abarbeiten. 

Vor Corona sagten bestimmte Gruppen, es brauche weniger Wachstum. Die dürften nun eines Besseren belehrt worden sein. 
Wachstum war doch nie Selbstzweck. Wachstum ermöglicht höhere Einkommen, hohe Einkommen bringen Konsummöglichkeiten und materiellen Wohlstand. Aber selbst diese Feststellung ist noch viel zu eng. Um ein ordentliches Bildungs-, Gesundheits-, Altersvorsorge-, Sozialsystem und andere wertvolle Errungenschaften zu finanzieren und auszudehnen, braucht es Wachstum der Produktivität. Im Übrigen sehe ich auch nicht, warum eine Erhöhung der Produktivität nicht auch für die nächsten hundert Jahre mit Natur- und Umweltschutz kompatibel sein sollte. Vielmehr glaube ich, dass man sich in den nächsten Jahren das einstige Wachstum zurückwünschen dürfte, weil Wachstum eben mit vielem zusammenhängt, das uns Menschen in unserem Leben wichtig ist.

Sie haben dem Stab der Vorarlberger Wirtschaft auch Lösungsvorschläge skizziert... 
Für eine realistische Risikobeurteilung müssen die Bürger wissen, was die Risiken für Alte mit und ohne Vorbelastungen sind und welche Gefahren die verschiedenen Vorbelastungen bringen. Die Regierungen dürfen auch nicht nur auf rohen Todeszahlen starren, sondern müssen abschätzen, wie viel oder wie wenig Lebenszeit durch Corona verlorengeht. Statt Staatsalmosen braucht es Steueranreize, denn erstere unterwandern zumeist die Leistungsanreize, während letztere den Geschädigten neben Entlastung auch bessere Leistungsanreize bringen. Ich bin durchaus optimistisch, dass wir alles wieder in den Griff bekommen. Aber eben nur, wenn wir rasch zu einer vernünftigen gesamtgesellschaftlichen Risikoabwägung kommen.

Vielen Dank für das Gespräch! 



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