"Diese Ausnahmesituation hinterlässte bei uns allen Spuren, auch bei mir"

Der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Harald Mahrer, im Gespräch über die Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft, der Belebung der Sozialpartnerschaft und über Prognosen für die Zukunft.

Wie geht es Ihnen persönlich in der Krise und wie sieht ihr Arbeitsalltag aus? 
Die letzten Wochen waren für uns alle in der Wirtschaft extrem fordernd und arbeitsintensiv. Sowohl was das eigene betriebliche Umfeld wie auch die Situation in den jeweiligen Branchen betrifft. Wir haben gemeinsam mit der Regierung versucht, das Schlimmste zu verhindern. Verhandlungen im Bundeskanzleramt bis tief in die Nacht hinein, um die Eckpunkte der Hilfe für die Betriebe zu definieren. Treffen mit den Mitgliedern unserer Krisenstäbe, Videokonferenzen mit unseren Partnern in Ländern rund um den Globus und zahllose Telefongespräche mit Kolleginnen und Kollegen aus der Unternehmerschaft. Und natürlich die Arbeit im Hintergrund, um Schutzmasken und medizinische Schutzausrüstung für das Gesundheitswesen auf den Weltmarkt mit zu organisieren. Überall ist viel Emotion im Spiel und ich habe mich bemüht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Diese Ausnahmesituation hinterlässt bei uns allen spuren, auch bei mir. Ich gebe mich keiner Illusion hin: Das Wiederhochfahren der Wirtschaft, das Comeback des Standorts wird uns alle, Betriebe, Mitarbeiter und die Familien vor eine harte Prüfung stellen. Aber ich bin ein positiv denkender Mensch und ich kenne unsere Unternehmer. Ihre Kreativität, ihre Leistungskraft, ihre Leidenschaft. Gemeinsam schaffen wir das. 

Wieso wurde die Wirtschaftskammer und keine andere Institution, wie etwa das Finanzamt, mit der Durchführung des Härtefallfonds betraut?
Die Regierung war auf der Suche nach einer Institution, die sowohl über das Know-how, die Struktur, als auch über die Ressourcen verfügt, um eine solche Aufgabe abzuwickeln. Eine Einrichtung wurde gesucht, die anders als die belasteten Strukturen der Finanzverwaltung, des AMS und des AWS jetzt mithelfen konnte. Durch interne Umschichtungen unserer Ressourcen haben wir ausreichend Kapazitäten geschaffen, um die Abwicklung schnellstmöglich bewerkstelligen zu können. Bei der 1. phase des Härtefallfonds wurden rund 145.000 Anträge gestellt und es wurden 122 Millionen Euro an Soforthilfe ausgezahlt. An dieser Stelle möchte ich ein großes Dankeschön an all die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der WKO richten, die sich mit ihrem unermüdlichen Einsatz darum bemühen, unseren Unternehmen rasch zu helfen.

Seit Montag gibt es die Möglichkeit Anträge für die 2. Phase des Härtefallfonds zu stellen. Was hat sich geändert? 
Bei der zweiten Phase des Härtefallfonds ist es uns gelungen, den Bezieherkreis zu erweitern. Die Einkommensgrenze ist gefallen, es gibt keine Beschränkungen beim Gründungsdatum und Mehrversicherte wurden ebenfalls berücksichtigt. Also ein weiteres Sicherheitsnetz für Kleinstunternehmer und EPUs für ihre persönlichen Lebenserhaltungskosten, die besonders hart von der Krise betroffen sind. Wichtig ist, dass diese kleine Soforthilfe nicht mit dem Corona-Hilfsfonds verwechselt werden sollte, aus dem die Unternehmer Kostenzuschüsse bei Umsatzeinbrüchen von mehr als 40% bekommen werden. Dazu werden in den kommenden Wochen die Details veröffentlicht. 

Mittlerweile wurden die Mittel für die Kurzarbeit um mehrere Milliarden Euro weiter aufgestockt. Ist dies die beste Option um Arbeitsplätze zu sichern? 
Mit der Corona-Kurzarbeit haben wir ein Modell auf den Weg gebracht, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen durch die Krise hilft. Bislang wurden 40.000 Anträge von Unternehmen eingebracht und damit rund 900.000 Arbeitsplätze in Österreich gesichert. Die hohe Nachfrage zeigt deutlich, dass wir mit dieser Maßnahme richtig gelegen sind. Gleichzeitig arbeitet das AMS daran, die Prozessabläufe an der Schnittstelle zu den Unternehmen zu beschleunigen, denn dort waren die Strukturen nie für eine derartig gewaltige Antragslawine ausgerichtet. Es wird von Woche zu Woche besser. 

Sie haben die „alte“ Sozialpartnerschaft früher oft kritisiert. Belebt die derzeitige Krise die Sozialpartnerschaft? 
Alle Seiten haben daran gearbeitet, unbürokratisch und rasch Hilfsmaßnahmen umzusetzen. Dass es uns gemeinsam gelungen ist, das Paket der Kurzarbeit in nur drei Stunden zu schnüren, halte ich im Vergleich zu dem sonst monatelangen Tauziehen für eine sehr gute Leistung. Nur so konnte unser gemeinsames Ziel, Österreich bestmöglich durch die Krise zu führen, auch verfolgt werden. Sozialpartnerschaft darf eben nicht wie das Handeln am Basar sein. 

Wie sieht ihre Prognose für die weitere Wirtschaftsentwicklung aus und welche Aspekte lassen sich für die Zukunft ableiten? 
Wir stellen uns auf eine harte Zeit ein. Aber: Jede Krise bietet auch Chancen für die mutigen und in die Zukunft denkenden Unternehmer. Wir setzen uns jetzt parallel neben der Begleitung des Wiederhochfahrens auch mit den strategischen Optionen für Österreichs Wirtschaft auseinander. Die Bewältigung der Tagesprobleme muss funktionieren. Aber auch das Vorbereiten einer Steuerreform, eines neuen Wachstumspaketes mit Investitionsförderungen und weiteren intelligenten Maßnahmen sind notwendig. In Europa werden wir uns künftig noch besser auf Krisen wie diese vorbereiten und Reindustrialisierung stärken müssen, um in der Lage zu sein, wichtige Güter regional zu produzieren. Gerade jetzt ist Unternehmertum gefragt, dass durch kreative und innovative Ideen neuen wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze schafft. Wichtig erscheint mir auch die positive Kommunikation, damit wir aus der Angststarre herauskommen: Ja sage ich, geht einkaufen, besucht Restaurants, macht Wochenendurlaube. So wird uns dann auch der Neustart und ein starkes Rot-Weiß-Rotes-Comeback gelingen.

Vielen Dank für das Gespräch!



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