FOTO: Paul Gruber

"Wir brauchen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Bedingungen"

Elisabeth Köstinger, Bundesministerin für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, im Interview mit der Vorarlberger Wirtschaft über Sicherheitsstandards im Tourismus, dem
Corona-Testprogramm und die Herausforderungen für die kommende Wintersaison.

Ihr Ziel vor dem Sommer war es, Österreich als Reiseziel mit den höchsten Sicherheitsstandards zu etablieren. Ist das gelungen?
Der heimische Tourismus musste während des Lockdowns eine Vollbremsung einlegen. Da die Sommersaison für viele Betriebe überlebenswichtig war, haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Branche bestmöglich zu unterstützen. 
Über unsere Plattform www.sichere-gastfreundschaft. at versorgen wir die Branche laufend mit Informationen zu aktuellen Entwicklungen: Etwa steuerliche und bürokratische Entlastungsmaßnahmen, Verhaltens-Leitfäden für Gäste und Gastgeber, Antworten zu oft gestellten Fragen. Natürlich informieren wir auf unserer Plattform auch über unser „Testangebot – Sichere Gastfreundschaft“, über das sich Mitarbeiter kostenlos testen lassen können. Auch die wöchentlichen Testungszahlen sind dort online. Ich glaube schon, dass wir Österreich mit der Summe an Maßnahmen zu einem der sichersten Länder in Europa gemacht haben.

Die Tourismusbranche hat es mitunter am schwersten getroffen. Es gab immer wieder Kritik über die Zielge- nauigkeit der Hilfsmaßnahmen durch die Bundesregierung. Zurecht? 
Wir alle sind mit einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation konfrontiert worden. Wir arbeiten Tag und Nacht daran, unseren Betrieben bestmöglich durch die Krise zu helfen. In vielen Fällen und Maßnahmen haben wir nachgeschärft, um noch besser unterstützen zu können. Wenn ich mich in Europa umschaue, dann sehe ich wenige Länder mit so umfassenden Maßnahmen wie Kurzarbeit, Fixkostenzuschüssen oder Steuersenkungen. Für Verbesserungsvorschläge sind wir immer offen, man sollte aber auch die Summe an Maßnahmen sehen, die wir erfolgreich setzen.

Kommen wir zum Corona-Testprogramm im Tourismus. Sind Sie mit der Entwicklung zufrieden? 
Unser Ziel war und ist, unseren Tourismusstandort in dieser schwierigen Zeit zu stärken. Dabei ist Sicherheit das entscheidende Thema. Wir haben aus dem Nichts eines der größten Testprogramme aus dem Boden gestampft, das sowohl den Gästen, als auch den Gastgebern und ihren Mitarbeitern bestmögliche Sicherheit gibt. Das haben wir erreicht. Seit Juli können sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Beherbergungsbetrieben testen lassen. Mehr als 130.000 Testungen wurden in fast 3.000 Betrieben bereits durchgeführt. Weil sich das Testangebot bewährt hat und noch ausreichend Kapazitäten vorhanden sind, weiten wir das Programm aus: Seit 1. September können sich auch Mitarbeiter von gewerblichen Gastronomiebetrieben, Jugendherbergen und Campingplätzen regelmäßig freiwillig testen lassen. Damit bieten wir das größte Präventionsprogramm Österreichs an und tragen zu noch mehr Sicherheit bei. Wichtig ist, dass das Angebot von möglichst vielen betreffenden Betrieben angenommen wird. Nur so können infizierte Personen frühestmöglich gefunden und weitere Ansteckungen vermieden werden. 

Corona hält uns noch länger im Griff. Was für Maßnahmen müssen aus Ihrer Sicht für die Tourismusbranche nun unbedingt im Anbetracht der kommenden Wintersaison gesetzt werden? 
In einem nächsten Schritt werden derzeit weitere Ausweitungen unseres Testangebots noch für den Herbst geprüft und vorbereitet – dazu gehören etwa Überlegungen für Fremdenführer, Reisebegleiter oder Schilehrer. Wir brauchen natürlich bestmögliche und praktikable Rahmenbedingungen, um den Betrieben auch in der zweiten Jahreshälfte erfolgreiches Wirtschaften bei gleichzeitiger Einhaltung notwendiger Sicherheitsmaßnahmen zu ermöglichen. Ich höre fast täglich von Branchen-Vertretern, wie mögliche Vorgehensweisen aussehen könnten. Für die Ausgestaltung der entsprechenden Vorschriften arbeiten wir eng mit dem zuständigen Gesundheitsminister Anschober zusammen, damit die Regelungen auch umsetzbar und praxistauglich sind.

Fürchten Sie ein zweites Ischgl bzw. wie können wir es verhindern? 
So lange es keine Impfung gegen das Cornavirus gibt, müssen wir grundsätzlich alle mit dieser Pandemie zu leben lernen. Umso wichtiger ist es, diszipliniert zu bleiben und die Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten: Abstand, Hände waschen, Mund-Nasen-Schutz tragen. Sollten doch vereinzelte Cluster entstehen, ist es wichtig, sie schnell zu finden und einzudämmen. Die Behörden werden hier mittlerweile rasch aktiv – das hat die gute Vorgehensweise in St. Wolfgang gezeigt.

Masken- und Registrierungspflicht im Tourismus werden derzeit heftig diskutiert. Wie ist Ihr Ansatz dazu? 
Ich kenne viele Hotels und Gastro-Betriebe in denen auch jetzt weiterhin der Mund-Nasen-Schutz getragen wird, obwohl es derzeit nicht verpflichtend ist. Entscheidend ist, dass wir die Entwicklung der Infektionszahlen laufend beobachten und entsprechend reagieren, wenn es notwendig ist.

In manchen Bereichen gibt es noch keine Regelungen, wie es weiter gehen soll. Wie sehen Sie die Zukunft der Eventbranche und der Nachtgastronomie in Zeiten von Corona? 
Für den Eventbereich und die Nachtgastronomie ist die Lage besonders ernst. Für Reisebüros übrigens auch. Ich deponiere die Anliegen der Branche intensiv bei Gesundheitsminister Anschober, der für die Ausarbeitung der Ampel-Regeln und Richtlinien zuständig ist. Wenn ich die Durchführung der diesjährigen Salzburger Festspiele betrachte, macht mich das aber optimistisch. Mit mehr als 76.500 Besucherinnen und Besuchern war die Auslastung sehr gut. Das ist das Ergebnis von disziplinierten Schutzmaßnahmen und eines gut durchdachten Präventionskonzepts. Die Salzburger Festspiele sind damit ein Vorbild für die Abwicklung von Veranstaltungen im Zeichen der Corona-Pandemie und ein wichtiges Signal für den Tourismus-, Kultur- und Veranstaltungsstandort Österreich. Umso wichtiger ist es, dass auch andere Veranstalter im Rahmen eines Präventionskonzepts Events anbieten.

Danke für das Gespräch! 



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