Foto: Reinhard Fasching

„Wir werden in Zukunft offener und ehrlicher kommunizieren“

Landesrat Christian Gantner im Interview mit der Vorarlberger Wirtschaft über eine zukunftsfähige Landwirtschaft, den Erfolgszwillingen Gastwirt und Landwirt und über das Bemühen, die Leistungen der Bäuerinnen und Bauern der Bevölkerung hautnah vor Augen zu führen.

Herr Landesrat Gantner, Sie sind nun seit über fünf Monaten im Amt. Wie geht es Ihnen in der „neuen“ Funktion?
Ich habe sehr großen Respekt vor der neuen Aufgabe. Sowohl vom Umfang der Ressorts als auch von der Art und Weise, wie mein Vorgänger diese Funktion nicht nur bekleidet, sondern erfüllt hat. Meine 13-jährige Erfahrung als Bürgermeister ist zwar in keinem Maße vergleichbar mit dieser Aufgabe, sie hilft mir jedoch im Verständnis und „Gespür“ für die Dinge sehr. Ebenso bin ich sehr dankbar für die Unterstützung meines Büroteams, das beinahe Tag und Nacht arbeitet sowie die fleißigen Mitarbeiter im Landhaus. Mein Ziel ist es, in der Erfüllung dieser schönen Aufgabe meinen bäuerlichen Prinzipien treu zu bleiben und ZukunftsFELDER zu BESTELLEN, die politische LANDSCHAFT zu GESTALTEN und in GENERATIONEN zu DENKEN. 

Sie sprechen selbst als Landwirt immer wieder von einer zukunftsfähigen Landwirtschaft. Wie muss die in Vorarlberg aussehen?
 Wir müssen als Vorarlberger Bäuerinnen und Bauern zukünftig noch mehr wirtschaftlich Denken und unsere Rolle als selbstständige Unternehmer weiter finden. Durch unsere erst kürzlich überarbeitete Landwirtschaftsstrategie „Landwirt.schafft.Leben“ gibt es Handlungsanweisungen und klare Ziele. Die Umsetzung der Strategie führt dazu, dass die gut ausgebildeten und kompetenten Bäuerinnen und Bauern mit einer breiten Palette an landwirtschaftlichen Produkten und Dienstleistungen eine hohe Wertschöpfung erzielen. Dafür braucht es vielfältige Absatzmöglichkeiten und die Nutzung zukunftsfähiger Erwerbsoptionen und Technologien. Die Sicherung guter landwirtschaftlicher Einkommen trägt dazu bei, dass die umfassende Bewirtschaftung und Pflege der landwirtschaftlichen Kulturflächen Vorarlbergs aufrechterhalten bleiben. Die hohen Lebensmittelstandards sowie die Bedachtnahme auf das Tierwohl, die Naturvielfalt und der Umweltschutz sorgen dafür, dass die gesellschaftlichen Ansprüche an die Landwirtschaft erfüllt werden und die Bäuerinnen und Bauern eine hohe Wertschätzung genießen.

Ohne öffentliche Leistungsabgeltungen ist es, trotz hoher Produktqualität, kaum möglich, von der Landwirtschaft zu leben.  Die derzeit vorliegenden Pläne zum EU-Agrarbudget sind kein Vorschlag – sie sind ein Anschlag auf unsere Bäuerinnen und Bauern. Hier braucht es viel Hartnäckigkeit und Rückgrat bei den Verhandlungen, damit die Agrarprogramme für die Zeit von 2021 bis 2027 den Arbeitsplatz und das Familienunternehmen Bauernhof – unter Wahrung regionaler und nationaler Spielräume – zukunftsfähig weiterentwickeln können. Nur so kann die Vorarlberger Landwirtschaft auch weiterhin wichtige Aufgaben für die Gesamtgesellschaft wahrnehmen. Dazu braucht es tragfähige Partnerschaften vor allem mit den Vermarktern und Konsumenten, aber auch in vielen anderen Bereichen. Eine sehr große Hoffnung setze ich hier persönlich in die Partnerschaft zwischen Gastwirt und Landwirt – wir sind Erfolgszwillinge und diese Beziehung gilt es zu vertiefen.

Die Anerkennung gesellschaftlicher Leistungen der Bäuerinnen und Bauern kommen meist zu kurz. Empfinden Sie den Umgang mit der heimischen Landwirtschaft als fair?
 Die Leistungen der Bäuerinnen und Bauern sind sehr vielfältig, diese reichen von der Produktion naturnah erzeugter, frischer Lebensmittel über die Pflege unserer Kulturlandschaften bis hin zu ihrer wichtigen Rolle als Gestalter und Erhalter lebendiger, ländlicher Räume. Die Meinungsbildung der Bevölkerung fußt auf einem immer geringer werdenden Kenntnisstand über die tatsächlichen Verhältnisse in der Land- und Alpwirtschaft. Das ist auch ein Auftrag an uns – den Dialog zwischen der Landwirtschaft und Gesellschaft zu intensivieren und dabei die Leistungen der Landwirtschaft für die Bevölkerung, insbesondere auch für Wirtschaft und Tourismus, zu kommunizieren bzw. hautnah vor Augen zu führen. Wir werden in Zukunft offener, mehr und manchmal auch ein Stück weit ehrlicher kommunizieren. 

Der Agrarbereich ist ein vielschichtiges und komplexes System, in das viel Geld fließt und das sehr komplexe Förderstrukturen aufweist. Zurecht?
 Ich kenne keine Förderung im Bereich der Landwirtschaft – hierbei handelt es sich für mich ausschließlich um Arbeits- und Leistungsabgeltungen. Und ja, sie sind gerechtfertigt – jeder Cent. Die Vielfalt unseres Landes und unserer Landschaft spiegelt sich auch in der Landwirtschaft wider. So finden wir von Bergbauern in Extremgebieten über den klassischen Milchproduzenten bis hin zu Obst-, Gemüse- und Weinbauern verschiedenste Betriebszweige in Vorarlberg – kein anderes Bundesland verfügt über eine solche Vielfalt –, welche einen großen gesellschaftlichen Beitrag für die positive Entwicklung unseres Landes geleistet haben und tagtäglich leisten.

Um diese Vielfalt und die verschiedenen Strukturen zielgerichtet unterstützen zu können, sind seitens des Landes Vorarlberg entsprechende Leistungsabgeltungen notwendig. Da wir neben der traditionellen Grünlandwirtschaft mit Viehhaltung verstärkt auch in den Ausbau von Produktionsnischen und Innovationen investieren wollen, braucht es unterschiedliche Förderprogramme. Ziel ist es, aufbauend auf bestehenden Daten, die Landwirtschaftsbetriebe, Behörden und Förderstellen von zusätzlichen Auflagen und hoher Bürokratie zu entlasten und das Geld dorthin zu bringen, wo Leistung und Arbeit geschieht.

Welchen Handlungsbedarf orten Sie bei der Zusammenarbeit unserer Landwirtschaft mit dem Tourismus in Vorarlberg?
Unsere Bäuerinnen und Bauern sind wichtige Systempartner von Wirtschaft und Tourismus. Insbesondere durch das Update der Landwirtschaftsstrategie „Landwirt.schafft.Leben“ wird diese Kooperation sichtbar gemacht – auf unseren Bauernhöfen und Alpen werden hochwertige Lebensmittel produziert und durch die flächendeckende Landbewirtschaftung werden Lebensräume gepflegt und erhalten, welche eine wichtige Grundlage für den Tourismus sind. Mit Gastronomie und Tourismus besteht eine gute, konstruktive Zusammenarbeit, wofür ich vor allem Wirtschaftskammer-Präsident Hans Peter Metzler und seinem Team bestens danke. Insbesondere im Bereich der Vertragslandwirtschaft bzw. der verstärkten Verwendung von regionalen Lebensmitteln und ihrer Veredelung zu genussvollen Spezialitäten in Gastronomie und Tourismus sehe ich Möglichkeiten eines weiteren Ausbaus der Kooperation, welche – und das ist wichtig – beiden Partnern zugute kommt. Diese Partnerschaft gilt es zu pflegen und weiter auszubauen. Wir haben hier bereits sehr innovative Projekte und weitreichende Visionen im Kopf, die bis hin zu einem „Nachhaltigkeits-Campus“ oder einem „Institut für Regionalität“ gehen könnten.

Wie bringt man Innovation und Tradition in diesem Zusammenspiel unter einen Hut?
Traditionsbewusstsein schafft Stabilität für landwirtschaftliche Betriebe – aufbauend auf diesem stabilen Fundament ist es notwendig, durch innovative Projekte und Maßnahmen auf die Entwicklung des Umfeldes zu reagieren und den Wünschen der Konsumentinnen und Konsumenten entsprechend Rechnung zu tragen.

Danke für das Gespräch!

Zur Person
Christian Gantner
Geboren am 18. September 1980 in Bludenz, verheiratet mit Claudia, ein Sohn (Elia/ Jg. 2008), zwei Töchter (Lisa/Jg. 2010; Rosa/Jg. 2015)
1995-1998: Ausbildung zum landwirtschaftlichen Facharbeiter am Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrum Hohenems
1998-2000: Lehre als Tischler bei der Tischlerei Leu in Wald am Arlberg und Abschluss der Gesellenprüfung
2000: Ableistung des Präsenzdienstes als Kraftfahrer beim Jägerbataillon 23  in der Walgaukaserne in Bludesch
2001-2005 Beschäftigung als Geselle bei seinem Ausbildungsbetrieb (Tischlerei Leu) in Wald am Arlberg
2005: Tätigkeit als parlamentarischer Mitarbeiter von AbgzNR Norbert Sieber
seit 2005-2018: Gemeindevertreter der Gemeinde Dalaas
2005-2018: Bürgermeister der Gemeinde Dalaas
2013-2014: Geschäftsführer „Klostertaler Bergbahnen GmbH & Co KG“
2014-2018: Abgeordneter zum Vorarlberger Landtag
seit 2017: Geschäftsführer „Unser Dorfwirt Verwaltung GmbH“
seit 11. April 2018: Landesrat der Vorarlberger Landesregierung
seit Juni 2018: Obmann „Energieinstitut Vorarlberg“ 
   



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