Bürokratie kostet NÖ Handwerk 7 Millionen Arbeitsstunden und 344 Millionen Euro im Jahr

Zwazl: „Bürokratie tut Unternehmen nicht gut, tut Arbeitsplätzen nicht gut“

7 Millionen Arbeitsstunden im Jahr oder 4.300 Vollzeitarbeitsplätze - das ist der Zeitaufwand, mit dem Niederösterreichs Betriebe im Gewerbe und Handwerk im Jahr mit bürokratischen Verpflichtungen belastet werden. Das zeigt der neue, von der KMU Forschung Austria im Auftrag der Sparte „Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ) erstellte Bürokratiebelastungsindex.

In Summe bedeutet das Kosten von 344 Millionen Euro für Aufgaben von der Lohnverrechnung bis zu diversen Dokumentationen und Statistiken. WKNÖ-Präsidentin und Landesgruppen-Obfrau des Wirtschaftsbundes Niederösterreich Sonja Zwazl: „Eine gewisse Bürokratie ist natürlich notwendig, damit unsere Wirtschaft und unser Staat funktionieren können. Steuern oder Löhne sind eben zu berechnen und abzuwickeln. Aber diese Zahlen lassen nur ein Ziel zu: Das muss weniger werden!“ Konkret peilt Zwazl eine mittelfristige Reduktion der Bürokratiekosten um zehn Prozent – also auf unter 300 Millionen Euro im Jahr – an. Zugleich betont Zwazl, dass diese Kosten ausschließlich das Gewerbe und Handwerk betreffen. „Umgelegt auf unsere gesamte Wirtschaft sind wir damit bei Bürokratie-Kosten im Milliarden-Bereich.“

Kleinbetriebe besonders betroffen
Ein genauerer Blick in die Untersuchung zeigt, dass kleinere Betriebe mit einem größeren zeitlichen Aufwand von der Bürokratie belastet sind als größere. Hier die Kernergebnisse im Detail:

• Der zeitliche Aufwand von sieben Millionen Arbeitsstunden bzw. 4.300 Vollzeitarbeitsplätzen bedeutet, dass drei Prozent der Gesamtbeschäftigung im „Gewerbe und Handwerk“ voll und ganz auf Bürokratie-Tätigkeiten entfallen.

• Von den 344 Millionen Kosten entfallen 264 Millionen auf interne und 80 Millionen auf externe (Steuerberater, externe Lohnverrechnung,…) Kosten.

• Der Bürokratiebelastungsindex steht damit bei 2.371 Euro Kosten je Beschäftigten und Jahr. Zum Vergleich: 2013 waren es 2.208 Euro.

• Nach Bereichen gegliedert entfällt der größte Brocken mit Gesamtkosten von 156 Millionen Euro auf den Bereich „Buchhaltung, Jahresabschluss, Steuererklärungen, Umsatzsteuermeldungen“, gefolgt vom Bereich „Lohnverrechnung, Meldungen an Sozialversicherungen“ mit 55,9 Millionen Euro und „Dokumentationen, Archivierung von Unterlagen, Veröffentlichungspflichten“ mit 48,4 Millionen Euro.

• Kleinbetriebe sind besonders betroffen: Der zeitliche Bürokratieaufwand pro Beschäftigten ist umso höher, je kleiner ein Unternehmen ist. In Unternehmen bis ein bis neun Beschäftigten beträgt er 80,6 Stunden im Jahr, bei zehn bis 49 Mitarbeitern sind es 58,9 Stunden, bei 50 und mehr Beschäftigten 30,5 Stunden.

Ecker: „Ständig wachsende Regulierungsdichte raubt Luft zum Atmen“
Für Wolfgang Ecker, den Obmann der Sparte „Gewerbe und Handwerk“, wurde mit der nun vorliegenden Studie die Basis geschaffen, um erstens die konkrete Belastung der Betriebe auch konkret sichtbar zu machen und damit Bewusstsein zu schaffen, dass die bürokratischen Belastungen weniger werden müssen. Jedes Mehr, aber auch jede Verringerung an Bürokratielast ist damit messbar und für alle sichtbar, auch für die maßgeblichen Entscheidungsträger“, so Ecker.
„Die auf allen Ebenen ständig wachsende Regelungsdichte raubt unseren kleinen und mittleren Unternehmen zusehends die Luft zum Atmen. Bürokratie bindet wertvolle Ressourcen zu Lasten von Innovation und Entwicklung.“ Die Untersuchung wird übrigens noch weitergeführt. Noch im Laufe des Jahres sollen weitere, vertiefte Ergebnisse vorliegen.

Fünf einfache Beispiele zur Verringerung der Bürokratie-Belastung
• So müssen Unternehmen für ihre Mitarbeiter drei Prozent der Bruttolohnsumme an Kommunalsteuer abführen und dafür jedes Jahr eine Kommunalsteuererklärung, in der die Jahresbruttolohnsumme und die entrichtete Kommunalsteuer des abgelaufenen Jahres gemeldet werden, abgeben. Diese Verpflichtung gilt auch für EPU, die keine Mitarbeiter beschäftigen, folglich auch nichts zu erklären haben, aber trotzdem eine Leermeldung abgeben müssen.

• Ausgaben für Anlagegüter wie etwa Maschinen oder Büroeinrichtung, die mehr als 400 Euro kosten, dürfen nur auf die Nutzungsdauer verteilt als Betriebsausgaben abgesetzt werden. Das führt in der Praxis dazu. dass ein Schreibtisch, der 500 Euro kostet und eine Nutzungsdauer von 10 Jahren hat, wegen einer jährlichen Abschreibung von 50 Euro 10 Jahre lang im Anlagenverzeichnis „mitgeschleppt“ werden muss. Eine Anhebung der Wertgrenze, zum Beispiel auf 1500 Euro, würde die Anlagenbuchhaltung wesentlich vereinfachen und den bürokratischen Aufwand für die Unternehmen massiv reduzieren, ohne, dass dem Fiskus langfristig Steuern entgehen.

• Im Einzelhandel frei erhältliche Reinigungsmittel wie etwa Klarspüler oder WC-Reiniger, die in jedem Haushalt selbstverständlich sind, werden bei der Verwendung in Unternehmen plötzlich „gefährlich“ – weshalb dann auch eine Dokumentation als gefährliche Arbeitsstoffe zu führen ist und eigene Sicherheitsdatenblätter angelegt werden müssen.

• Die Abrechnung der SV-Beiträge erfolgt derzeit so, dass der Arbeitgeber monatlich nur die Lohnsummen - gegliedert nach Arbeitern, Angestellten und Lehrlingen - meldet. Erst im Februar des Folgejahres müssen der Gebietskrankenkasse die konkreten Lohndaten eines jeden einzelnen Arbeitnehmers gemeldet werden. Ab 2018 soll es nun monatlich so eine individuelle Meldung geben. Das heißt, dass der bürokratische Aufwand für die Unternehmen verzwölffacht wird – und darüber hinaus auch noch die Gebietskrankenkassen mit dem zwölffachen Verwaltungsaufwand belastet werden – ohne, dass es irgendjemanden etwas bringt.

• Die Kennzeichnungsregeln im Lebensmittelbereich sind weit überzogen und gehören reduziert. Wenn sich ein kleiner Konditor, der auf hochqualitative Handarbeit setzt, damit etwa beschäftigen muss, ob er nun „Bitterschokolade mit Honigganache“ oder „Bitterschokolade mit Honigganachefüllung“ auf seinen handgefertigten Schokoriegel schreibt, dann ist das einfach überzogen – und endgültig überzogen wird es, wenn die rechtlich falsche Bezeichnung dann auch noch zu Strafen führt.

Zwazl abschließend: „Zu viel Bürokratie tut den Unternehmen nicht gut, tut dem Wirtschaftsstandort nicht gut, tut den Arbeitsplätzen nicht gut. Zu viel Bürokratie kommt uns alle teuer.“



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